3 einfache Tipps, wie Sie gesunde von ungesunder Scham unterscheiden können

gesunde und ungesunde Scham unterscheiden - 3 Tipps
(Foto: (c) Alfred Brandl http://www.alfredbrandl.com)

 

Kürzlich leitete ich einen Workshop. Im Raum saßen etwa 20 Menschen aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt – aus Japan, China, Indien, USA, Kolumbien, Frankreich…

Wir machten gerade eine Übung, bei der die Teilnehmer/innen ihre Präsenz beim Vortragen trainieren sollten. Und plötzlich trieb es einem Teilnehmer aus Japan beim Vortragen vor der gesamten Gruppe buchstäblich die Schamesröte ins Gesicht.

Kennen Sie das? Sie werden rot, Sie geraten ins Stottern oder beginnen zu schwitzen?

Der eigene Körper plaudert unkontrolliert das aus, was Sie eigentlich den anderen nicht mitteilen wollten. Und zeigt damit den anderen, was eigentlich geheim sein sollte.

Der Körper verrät etwas, was Sie eigentlich für sich behalten wollen

Ich als Leiterin des Workshops war ziemlich überrascht von der heftigen Emotion des Teilnehmers. Ich hatte sehr viel Mitgefühl mit ihm. Und hinterher stellte ich mir als Soziologin die Frage:

Was hat Schamgefühl mit Kultur zu tun?

Für Schamgefühle sind nicht nur wir selbst, sondern auch soziale und kulturelle Erwartungen an uns verantwortlich. Der Soziologe Alois Hahn hat sich unter anderem damit beschäftigt.

Ich saß vor einigen Jahren (hab gerade nachgesehen…es war 2012 und ich erinnere mich immer noch 🙂 !) im Publikum bei einem Vortrag von ihm, den er folgendermaßen begann: „Stellen Sie sich einen Lehrer vor, dem ein Pornoheft aus dem Stapel von Schulheften fällt. Andere Lehrer beobachten ihn dabei“. Vor anderen wurde etwas Intimes sichtbar, das eigentlich geheim bleiben sollte.

Scham und Geheimnis hängen eng zusammen

Alois Hahn veranschaulicht den Zusammenhang von Scham und Geheimnis anhand des Beichtgeheimnisses. Bei der Beichte beschreiben Menschen etwas, für das sie sich nach katholischen Maßstäben schämen sollten. Derjenige, der die Beichte abnimmt, unterliegt dem Beichtgeheimnis. Das heißt: Das Geheimnis bleibt gewahrt, trotzdem schämt sich der Beichtende.

Der fremde Blick sorgt für Schamgefühle

Wenn ich genauer hinschaue, wird klar: Erst die Augen von anderen sorgen für Schamgefühle. Allerdings reicht manchmal schon die bloße Vorstellung, dass andere etwas Bestimmtes denken oder sagen könnten, aus und ich empfinde Scham.

Kennen Sie das?

In solchen schambeladenen Situationen hilft es, wenn Sie sich fragen: Wer spricht da eigentlich? Welche „Gouvernante“, welcher „innere Richter“ sitzt da gerade auf meiner Schulter?

Soziale Erwartungen geben Orientierung

Ein Lehrer beispielsweise hat eine Vorbildfunktion, dass dieses Vorbild sich Pornoheftchen während der Arbeit anschaut, passt nicht dazu. Und als Lehrer weiß man – davon gehe ich jetzt einfach mal aus – um die Erwartungen der Kollegen und Kolleginnen, der Eltern, der Schüler/innen. Und das erleichtert die Orientierung im Alltag. Denn Scham kann ein Indikator für nicht konformes Verhalten sein.

Im Körper sind soziale Erwartungen gespeichert

Das Schamgefühl des Lehrers hängt vor allem daran, dass sein intimes Geheimnis versehentlich gelüftet worden ist. Das weiß der Lehrer und der Körper verrät, dass er das weiß – er wird rot. Hahn drückt das so aus: Im Körper seien soziale Spuren gespeichert. Vieles weiß der Körper ohne aktives Zutun, er macht Dinge von ganz alleine…und das ist manchmal hilfreich und manchmal ziemlich unangenehm. Wir schwitzen, wir stottern, wir blicken nach unten – der Körper tut Dinge, die er nicht tun soll.

Scham- oder Schuldkultur?

In interkulturellen Kontexten hilft die einfache Unterscheidung zwischen Scham- und Schuldkulturen. Bei meinem japanischen Workshopteilnehmer zum Beispiel. Dieser wurde rot, da er den in seinem Körper gespeicherten kulturellen Erwartungen nicht entsprach – und mir als westlich geprägter Mensch fehlte dafür das Verständnis.

Scham hängt mit Urteilen zur ganzen Person zusammen

Das Gemeine an Scham, so finde ich zumindest, ist die Bewertung „Ich bin falsch“ – es wird die gesamte Person beurteilt.  Im Gegensatz dazu steht die Schuld, in dem das Verhalten bewertet wird: „Ich habe etwas falsch gemacht“. Scham bedeutet „Ich bin nicht so, wie ich sein sollte“ und löst ein Gefühl aus, dass man am liebsten „im Boden versinken möchte“ oder „vor Scham zergeht“. Und wenn äußerlich sichtbare Schamsignale von anderen beobachtet werden, wird die Scham oft noch mehr. Man schämt sich, dass man sich schämt.

Scham ist kein angenehmes Gefühl. Ich erinnere mich selbst gerade an eine besondere Situation, die mir bis heute die Schamesröte in den Kopf treibt und die ich nicht aufschreiben möchte.

Scham hat eine wichtige Funktion: Sie hilft beim Entdecken von individuellen Entwicklungsmöglichkeiten

Bei allen Unannehmlichkeiten hat Scham auch eine wichtige, weil selbstreflektierende Qualität: Nur wer sich selbst hinterfragt, sich seiner selbst bewusst ist, kann sich schämen. Schamgefühl tritt auf, wenn man gegen soziale Normen und Regeln verstößt oder Ansprüchen (eigenen und fremden) nicht entspricht.

Und ein gesunder Umgang mit Scham beinhaltet Selbstannahme und den Mut, sich zu zeigen, wie man ist: Authentisch, berührbar und imperfekt.

Nur wer über Empathie verfügt, kann sich auch schämen

Je einfühlsamer man in Situationen, die schambeladen sind, vorgeht, desto schneller können die Erwartungen und Regelungen wahrgenommen werden. Das ist besonders spannend, wenn Ansprüche von außen explizit vorab genannt werden. So auch bei dem japanischen Teilnehmer im Workshop, der mit seinem Schamgefühl eine soziale Kompetenz gezeigt hat, die ein Feingefühl für Menschen und Situationen voraussetzt. 

Wann haben Sie sich das letzte Mal geschämt?

Überlegen Sie doch mal: Wann haben Sie sich das letzte Mal geschämt? Was war die Diskrepanz zwischen Ist- und Sollzustand? Ein weniger drastisches Beispiel als das mit den Pornoheftchen und dem Lehrer erleichtert hier die Selbstreflexion 🙂

Wann Scham zu viel oder zu wenig ist…

Ist Scham zu dominant, blockiert das die Person. Aus Angst, Fehler zu machen, wird zwanghafte Perfektion angestrebt, selbst kleinste Schwächen scheinen übergroß und alle Energie wird darauf verwendet, die Scham zu verstecken oder abzuschwächen. Es ist ein „Kampf gegen die eigene Unvollkommenheit“. Selbstzweifel und Selbstunsicherheit sind stete Begleiter.

Zu wenig Scham bedeutet dagegen ein egozentrisches Selbstbild, in dem eigene Schwächen und Grenzen nicht vorkommen (dürfen). Es fehlt an Selbstreflexion, gegenläufige Erfahrungen werden vermieden.

In beiden Fällen ist persönliches Wachstum nicht möglich, der Kontakt zu sich und anderen Menschen eingeschränkt. Bestimmte Seiten der Persönlichkeit werden nicht gezeigt, aus Angst vor Ablehnung und damit weiterer Scham. Ein ungesunder Umgang mit Scham ist eng verbunden mit Abhängigkeit, Depression, Gewalt, Aggression, Mobbing und diversen psychischen Krankheitsbildern.

Wie kann ich gesunde und ungesunde Scham in Unternehmen voneinander unterscheiden?

Auch für Unternehmens- und Organisationskulturen ist Scham ein häufig unterbelichtetes Thema. Die bekannte amerikanische Schamforscherin Brené Brown nutzt drei ­– ganz simple – Fragen. Mit diesen lässt sich leicht herausfinden, ob Scham in einer (Unternehmens – / Organisations –) Kultur eine Rolle spielt. Vielleicht fragen Sie sich selbst einmal:

  1. Ist Perfektion in unserer Arbeitskultur wichtig?
  2. Ist Selbstwert gebunden an Leistung, Produktivität oder Folgsamkeit?
  3. Werden andere niedergemacht und beschimpft? Ist die Angst, sich zu blamieren, ein zentraler Motor?

Mit Selbstempathie lässt sich Scham auflösen

Heimlichkeit, Schweigen und Verurteilung lassen Scham wachsen. Scham überlebt dagegen nicht, wenn sie ausgesprochen wird. Wirklich! Ich hab es selbst ausprobiert … Vielleicht schauen Sie sich mal den TED-Talk von Brené Brown an, der ist meiner Meinung nach ziemlich überzeugend …

https://www.ted.com/talks/brene_brown_listening_to_shame

Welche Gefühle und Bedürfnisse stehen hinter der Bewertung „Ich bin falsch?“

(Selbst-)Empathie ist der Schlüssel zur Auflösung von Scham. D.h. es geht darum, sich bewusst zu machen, welche Gefühle und Bedürfnisse hinter der Bewertung „Ich bin falsch“ stecken und wie mit diesen umgegangen werden soll. Hilfreich sind dazu die Reflexion und ggf. Veränderung von übernommenen Selbstbildern und Glaubenssätzen sowie eine Aussöhnung mit der eigenen Begrenztheit (Selbstannahme).

 

Und nun sind wir an Ihrer Meinung interessiert: Wie geht es Ihnen in Bezug auf Scham? Ist das für Sie ein (bewusstes) Thema in Ihrer Arbeit? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Wir freuen uns über einen Kommentar und/oder Ergänzungen zu unserem Artikel.

Ihre Katharina Ludewig und Wiebke Rimasch

 

 

Gratis Mailkurs "Führung einfach gemacht"

Entwickeln Sie als Führungskraft Ihre FührungsSTÄRKE weiter – zielsicher, kompetent und menschlich.

Im Kurs erhalten Sie 5 Tage lang eine Lektion per Mail + unseren Support. Probieren Sie es aus!

<input type="hidden" name="b_05e869ec344b2818fd755900e_113a9fe646" value="" /><input type="hidden" name="subscribe" value="Subscribe" /><input type="hidden" name="b_05e869ec344b2818fd755900e_113a9fe646" value="" /><input type="hidden" name="subscribe" value="Subscribe" />

privacy Kein Spam und volle Datensicherheit. Garantiert.

Leave A Response

* Denotes Required Field

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere