Woher Ihre Vorstellungen über das Normale kommen und wie Sie damit umgehen können

Na, haben Sie sich heute schon einmal gefragt, ob bei Ihnen alles „normal“ ist? Ob bei Ihnen noch alles in Ordnung ist? Oder ob bei Ihrem Kollegen alles in der richtigen Spur läuft?

Hand aufs Herz: Ich frage mich – zugegebenermaßen ­– solche Dinge häufiger. Und merke dann recht schnell, dass mir solche Fragen gar nicht gut tun.

 

Bin ich eigentlich normal?

Ist es normal, so viel zu arbeiten? Ist es normal, permanent erschöpft zu sein? Ist es normal so viel zu schlafen? Oder leide ich schon an einem Burn-Out? Und ist es normal, wenn ich mich mit meiner erfolgreichen Kollegin vergleiche? Und ist es eigentlich normal, wenn ich mich jedes mal überwinden muss, um diesen Artikel hier zu schreiben?

 

Mir helfen diese Fragen wenig, sondern verunsichern mich. Gedanken über Normalitäten führen bei mir persönlich eher zu einer Art Selbstkontrolle und Selbstregulierung. Sie hindern mich an einer starken Selbswirksamkeit. Und bei meiner Arbeit, besonders in Einzelcoachings, merke ich häufig, dass sie bei meinem Gegenüber Druck und Hemmungen erzeugen.

 

Kürzlich war eine Klientin bei mir mit der Sorge, an einem Burn-Out zu leiden. Sie hatte das Gefühl, „nicht normal“ zu sein und verspürte extremen Druck bei gleichzeitiger Erschöpfung. Sie konnte sich nicht abgrenzen von den gefühlten Anforderungen der Berufswelt. Vor allem ihr beruflicher Werdegang sei nicht normal, sie müsse doch mit Ende 40 wissen, wohin sie beruflich noch will. Und während sie sprach, war sie total in Gedanken, überlegte sich X Strategien, wie sie gegen ihr selbst diagnostiziertes Burn-Out vorgehen wollte und kam damit nicht weiter. Sie grübelte und grübelte, so lange, bis sie total erschöpft war. Und saß so bei mir und sorgte innerlich für noch mehr Druck mit den Gedanken um Burn-Out, dessen Symptome und ihre Anomalität.

 

Sind Sie noch normal oder schon krank?

Auch in meinem Kopf gibt es Vorstellungen von „dem Normalen“: Von dem normalen Unternehmen, von dem normalen Führungsstil, dem normalen Umgang miteinander oder eben dem normalen Menschen. Und es gibt bei mir ebenso eine gefühlte Grenze des Normalen. An der lässt sich leicht unterscheiden: Normal oder krank? Normal oder verrückt? Normal oder seltsam? Richtig oder falsch? Gehöre ich noch dazu oder nicht mehr?

 

Das hat sich meine Klientin auch immer wieder gefragt: Gehöre ich noch zu dem Kreis der Gesunden? Oder habe ich ein Burn-Out? Gehöre ich zum Kreis erfolgreicher Frauen? Oder bin ich schon raus? Und sie maß sich nicht an ihrem Einkommen oder an ihrer kontinuierlichen Weiterentwicklung.

 

Abstrakte Vorstellungen vom Normalen sorgen für Druck und Anspannung

Sie hatte ganz abstrakte Vorstellungen von erfolgreichen Frauen im Kopf: Erfolgreiche Frauen sind schlank, haben einem bestimmten BMI (Body Mass Index), sie sind diszipliniert, sie sind selbstsicher, sie treiben regelmäßig Sport, haben eine glückliche Beziehung und am besten noch 2 Kinder. Erfolgreiche Frauen wissen, was ihre Ziele sind und und und. Sie nahm diese Vorstellungen aus den Medien, aus Beobachtungen und aus Interpretationen von den Lebensumständen anderer – in ihren Augen – erfolgreichen Frauen. Und wusste dabei nicht, ob das, was sie sich ausmalte, auch ihren Bedürfnissen entsprach. Sie erzeugte so immense Anspannung bei sich und fühlte sich nahe am Burn-Out.

 

In neuen Situationen können Vorstellungen über das Normale Orientierung geben

Kennen Sie das? Vielleicht in Übergangssituationen in Ihrem Leben? Wie war das, als Sie einen neuen Job angefangen haben? Als Sie zum ersten Mal Führungsverantwortung hatten? Oder als Sie sich auf eine neue Beziehung eingelassen haben? Ich kenne das vor allem in Situationen, die für mich neu sind. Dann frage ich mich häufiger: Wie machen das die anderen? Und was ist in einer solchen Situation normal? Das gibt mit eine erste Orientierung.

 

Die Normalismustheorie bringt Licht ins Dunkle

Und ich frage mich schon länger: Woher kommen meine Vorstellungen vom Normalen eigentlich? Es gibt da eine spannende Theorie, die mich schon seit Jahren begleitet und die ich auch in meiner Dissertation aufgenommen habe: Die stammt von den Sprach- und Sozialwissenschaftler Jürgen Link und nennt sich „Normalismustheorie“.

 

Das Normale entsteht mit der statistischen Auswertung

Vorstellungen von Normalität(en) gibt es, so Link, nur in „verdateten Gesellschaften“. Das heißt: In Gesellschaften, in denen über alle möglichen Dinge Daten erhoben, ausgewertet und veröffentlicht werden. Das Statistische Bundesamt zum Beispiel spielt da eine wichtige Rolle, Erwerbslosenstatistiken oder Statistiken zur Kinderarmut sind nur 2 Beispiele von sehr vielen.

 

Das Normale gibt es, seitdem es Statistik gibt

Alleine die Wortherkunft von „normal“ kann in einen direkten Zusammenhang mit der Einführung der Statistik gebracht werden. Das Wort „normal“ kommt ursprünglich aus dem Lateinischen: „normalis“ steht für „nach dem Winkelmaß, nach der Regel gemacht“. Und es taucht im deutschsprachigen Raum das 1. Mal im 18. Jahrhundert auf, zeitgleich zur Einführung der Statistik in Deutschland (1749), denn da geht es um Normalverteilungen und Abweichungen davon. Normal oder nicht? Normalität, so Jürgen Link, sei eine „Errungenschaft moderner okzidentaler Gesellschaften“, das gab es vorher nicht.

 

An allen Ecken wird erhoben und analysiert

Wenn ich genauer hinschaue, dann denke ich: Es wird an allen Ecken erhoben und analysiert. Das fängt bei sozialen Netzwerken an, geht über Suchmaschinen, Marktforschung, Umfragen vom Statistischen Landes- oder Bundesamt zur Bevölkerungsentwicklung ebenso wie Umfragen zur Lebenszufriedenheit von Stiftungen oder Regierungen.

 

Interessant für meine Frage, woher meine Vorstellungen von Normalität eigentlich kommen, sind die Auswertungen der Daten. Denn mit statistischen Auswertungen entstehen Durchschnittswerte. Und über diese entstehen eben auch Grenzen zu dem, was nicht mehr durchschnittlich und normal ist. Das gilt dann als seltsam, krank, als pathologisch oder gar als kriminell.

 

Ist Ihr BMI normal?

Ein sehr gängiges Beispiel, das auch Jürgen Link nutzt und das auch meine Kientin für sich im Kopf hatte, ist der BMI. Der ist ein weit verbreitetes Maß, mit dem man das Körpergewicht eines Menschen in Bezug auf die Körpergröße ermitteln kann.

 

Ein Blick in die Geschichte zeigt: Normalität hängt immer mit anderen zusammen

Ursprünglich war der BMI kein Index für das individuelle Über,- Unter- oder Normalgewicht, sondern ein Wert zum Vergleich von Populationen. Der belgische Mathematiker Adolphe Quetelet (1796 – 1874) empfahl ihn ausschließlich (!) für demographische Untersuchungen und eben nicht für die individuelle Vermessung von Körpern. Eine US-amerikanische Lebensversicherung nutzte den BMI allerdings dafür, Prämien für die Versicherten so zu berechnen, dass Risiken, die durch Übergewicht entstehen, berücksichtigt werden können.

 

Man klassifiziert sich selbst mit der Orientierung an der Norm

Seit Anfang der 1980er Jahre verwendet auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den BMI und klassifiziert so Personen. Hier sind die Grenzen zwischen Normalem und Anomalem sehr deutlich: Denn das Instrument, das originär für den Populationenvergleich gedacht war, wird nun auch von einzelnen Personen als Instrument zur Überprüfung des eigenen Körpergewichts genutzt. Man orientiert sich meist auch selbst an der Norm, also am BMI, und klassifiziert sich selbst als zu dick oder zu dünn.

 

Die ICD spielt eine wichtige Rolle bei der Konstruktion von Normalität

Ein Blick auf die ICD (International Classification of Deseases) hilft zum vertieften Verständnis: Burn-Out wird seit den 1990er Jahren in der deutschen Adaptation ICD-10-GM der Kategorie Z73 als „Ausgebranntsein“ verstanden – gemeinsam mit dem „Zustand der totalen Erschöpfung“. Vorher gab es diese Diagnose der totalen Erschöpfung nicht. Als ein anderes Beispiel kann Homosexualität gesehen werden, die entfernte die WHO erst 1992 aus der Klassifizierung im ICD als psychische Störung.

 

Reflexionen über das Normale helfen dabei, kritisch zu sein

Nun fragen Sie sich vielleicht: Warum schreibt die das Ganze? Ganz einfach: Weil es mir hilft, darüber zu reflektieren, wodurch ich mich leiten lasse. Es hilft mir dabei, mich in meiner Selbswirksamkeit zu überprüfen und mich von Anforderungen abzugrenzen. Und hier wird es für unsere Arbeit im Coaching spannend. Denn alleine ein kritisches Bewusstsein darüber kann schon viel verändern.

 

Wenn Sie in Sorge sind, an einem Burn-Out zu leiden, dann holen Sie sich Unterstützung!

Das Wichtigste zuerst: Wenn Sie in Sorge darüber sind, dass Sie an einem Burn-Out leiden, dann suchen Sie bitte professionelle Hilfe auf. Leitsymptome eines Burn-Outs sind tiefe Erschöpfungsgefühle, Depersonalisierung (sprich eine als stark wahrgenommene Distanz zwischen Ihnen und Ihrem Gegenüber) und eine deutlich verminderte Leistungsfähigkeit. Die Hausärztin, Psychotherapeuten und weitere Stellen sind erste Anlaufpunkte für Sie!

 

Befragen Sie sich selbst!

Also, wann immer Sie denken, dass das was Sie ode rein/e KollegIn, ein/e MitarbeiterIn tun, nicht “normal” sein könnte, fragen Sie sich:

 

  • Woher kommt Ihre Vorstellung, dass es ein “normal” gibt?
  • Inwieweit nutzt es Ihnen, in solchen Kategorien zu denken?
  • Inwieweit schadet es Ihnen, diese Kategorien zu benutzen?

 

Wieviel angenommene Normalität gibt es in Ihrem Alltag?

Beobachten Sie doch auch mal sich und Ihre (Arbeits-)Umgebung: Wie viel angenommene “Normalität” gibt es in Ihrem Alltag? Gibt es bspw. eine stillschweigende Übereinkunft bei Ihnen im Team, dass es nicht “normal” ist, im Meeting Dinge kritisch zu hinterfragen? Oder gibt es ungeschriebene Regeln, die man bei Ihnen in der Firma nicht brechen darf, ohne als “Sonderling” zu gelten?

Schreiben Sie uns gerne Ihre “schönsten” Beispiele – oder Ihre “Geheimnisse”, von denen Sie denken, dass Sie diese nicht offenbaren dürfen, weil Sie selbst sonst “anomal” sind.

Und wissen Sie was: Ich verrate Ihnen gleich eins von mir…aber pssssst…je länger ich über Normaliäten nachdenke, desto klarer wird mir, dass ich in keine Kategorie so richtig reinpasse 🙂

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